Verzögern Schnuller die Sprachentwicklung?

Verzögern Schnuller die Sprachentwicklung?

Bildliche Darstellungen belegen, dass Schnuller bereits im Mittelalter in Europa zum Einsatz kamen. Ursprünglich wurden sie entwickelt, um die weibliche Brustwarze zu imitieren und somit das kindliche Saugbedürfnis zu befriedigen. Als nützliche Hilfe galten Beruhigungssauger bis zum frühen 20. Jahrhundert, später folgte eine Anti-Schnuller-Bewegung. Heutzutage ist man sich selbst in Expertenkreisen nicht einig darüber, ob ein Nuckel dem Kind schadet oder nicht. Fest steht aber: Für eine gesunde Entwicklung ist er nicht erforderlich. Nichtsdestotrotz vertrauen 75 bis 80 Prozent der Eltern in westlichen Ländern auf seine Dienste als Tröster und Einschlafhilfe.

Lange Nutzungsdauer begünstigt Schluck-, Kau- und Sprachstörungen

Ob seine Verwendung Schaden anrichtet, ist vom Sauger selbst, der Lutschdauer, dem Kind und seinen Eltern abhängig. Über längere Zeit eingesetzt, kann das liebevoll als „Nuggi“ betitelte Utensil das Wachstum sowie die Entwicklung des kindlichen Mundraums beeinträchtigen. Zudem begünstigt es das Entstehen einer Mundatmung ebenso wie Sprachstörungen. Darüber hinaus bemängeln Logopäden, dass Schnullerkinder oft nicht ordnungsgemäß schlucken und kauen. Um das zu üben, muss ein Kind lernen, aus einer Tasse zu trinken und Nahrung mit dem Löffel aufzunehmen. Das Lutschen an einem Nuckel bzw. die Nahrungsaufnahme durch Fläschchen, die bekanntlich auch mit einem Sauger ausgestattet sind, wirken kontraproduktiv.

Kleinkinder, die über Jahre am Schnuller hingen, setzen nicht selten noch als Jugendliche die Zunge saugend ein. Anstatt Schluck für Schluck zu trinken, lassen sie sich zunächst den Mund volllaufen, um anschließend die gesamte Flüssigkeit mit schlängelnder Zungenbewegung in den Rachen zu drücken. Dieses sogenannte infantile Schluckmuster erfordert eine logopädische Behandlung.

Verzögerte Sprachentwicklung und Lispeln bei übermäßigem Gebrauch

Doch nicht nur für die Nahrungsaufnahme benötigt der Mensch seine Mundwerkzeuge. Zunge, Zähne, Lippen und Gaumen sind auch für das Sprechen unerlässlich. Viele langjährige Schnullerkinder leiden unter schwerwiegenden Sprachentwicklungsstörungen. Gerade Kinder, die mit drei oder vier Jahren noch vom Beruhigungssauger abhängig sind, weisen eine verzögerte, nicht altersgerechte Sprachentwicklung auf. Denn ist die Zunge ausschließlich damit beschäftigt, den Nuckel zu halten, wird die Artikulation behindert. Das Baby kann folglich nicht brabbeln. Die Logopädin Heide Mende-Kurz fordert deshalb: „Sprache statt Schnuller!“

Wird der Trostspender länger als etwa sechs Monate gegeben, ist damit zu rechnen, dass die Muskulatur der Zungenspritze falsch trainiert wird. Die Folge: Bei Lautbildungen drückt sie gegen die oberen Schneidezähne. Außerdem quillt sie bei der Aussprache von Zischlauten womöglich zwischen den Schneidezähnen hervor, falls diese auseinanderstehen. Werden die Laute S, Z und SCH falsch gebildet, lispelt das Kind. Aus der Schule wird dann eine „Sule“.

Übrigens fördert nicht nur eine übermäßige Nutzung des Nuckels eine falsche „Programmierung“ der Zunge. Auch das Lutschen am Daumen kann Sprachstörungen verursachen. Weist das Kleinkind eine Tendenz zum Daumenlutschen auf, wird den Eltern sogar empfohlen, einen Schnuller zu geben. Denn dieser lässt sich leichter wieder abgewöhnen und ist weniger schädlich für den Mundraum als das Nuckeln am Daumen.

Überlegte Anwendung und rechtzeitige Abgewöhnung ist ratsam

Trotz aller Nachteile sollten Eltern den Trostspender nicht verteufeln. Solange er nicht als Dauerlösung, sondern als Retter in Notfällen (z. B. bei Schreianfällen) dient, ist sein Einsatz in Ordnung. Im Säuglingsalter gilt die Verwendung eines Beruhigungssaugers als unproblematisch. Verschiedene Studien konnten sogar eine Schutzfunktion vor plötzlichem Kindstod nachweisen.

Die Innsbrucker Logopädin Mathilde Furtenbach beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Auswirkungen von Schnullern. Sie empfiehlt, auf ein möglichst geringes Gewicht des Saugers zu achten. Deshalb sollte beispielsweise auf eine Kette verzichtet werden. Schwere Nuckel belasten die kindliche Lippen- und Zungenmuskulatur zu sehr. Des Weiteren rät Furtenbach davon ab, dem weinenden Kind immer gleich den Sauger zur Beruhigung zu geben. Schreit das Baby, signalisiert es damit, dass ihm etwas fehlt. Oft verlangt es nach Körperkontakt, will gewickelt werden oder hat Hunger. Diese Bedürfnisse können durch die Gabe des Nuckels überdeckt werden.

Sowohl Zahnmediziner als auch Logopäden sind sich darin einig, dass der Schnuller nicht mitwachsen, sondern rechtzeitig abgewöhnt werden sollte. Denn den zusätzlichen Freiraum benötigt die Zunge für die Nahrungsaufnahme und beim Sprechen. Ungefähr ab dem ersten Geburtstag beginnt die wichtigste Zeit für den aktiven Spracherwerb. Dann sollte langsam auf das Utensil verzichtet werden. Bis zum zweiten Lebensjahr, spätestens aber im Alter von drei Jahren sollte kein Beruhigungssauger mehr zum Einsatz kommen. Den optimalen Zeitpunkt für die Abgewöhnung beschreibt Furtenbach mit folgenden Worten: „bis ihn die ersten Kinderworte aus dem Kindermund vertreiben.“


Im nächsten Beitrag lesen Sie, wie Kieferorthopäden den Gebrauch von Schnullern beurteilen. „Verzögern Schnuller die Sprachentwicklung“ ist Teil 1 unserer dreiteiligen Blog-Serie rund um Schnuller. Am kommenden Freitag wird Teil 2 mit dem Thema „Schnuller und Fehlstellungen“ veröffentlicht.